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Weiß Gott Man führte ihn den weißen Korridor hinunter, freundlich lächelnd und sehr zuvorkommend. Es wirkte sehr steril hier, sehr sauber und völlig keimfrei. Warum brachte man ihn gerade hierher? Woran konnte es liegen? Er hatte nicht die geringste Ahnung. Während er vor PeeWee herging, blätterte der Herr in Weiß in seinen Akten. Nickend murmelte er die wichtigsten Daten vor sich hin. "Geboren: 26.2.71, soso, Schüler, Gymnasium, Bund, Autounfall am 13.5.92." Abschätzend sah er PeeWee an. "Ziemlich jung, mit 21!" Der Angersprochene hob nur die Schultern. Ce la vie. Oder besser: cetait la vie! "Man nannte Sie PeeWee? Warum?" PeeWee hob wieder die Schultern und lächelte schief. "Eine lange Geschichte." Wer hatte ihn nicht schon alles gefragt, warum man ihn PeeWee nannte? "Ein Sportlehrer hat ihn mir gegeben." Ausgerechnet ein Sportlehrer, ihm, der er doch zu Lebzeiten Sport mehr als verabscheut hatte. "Warum?" wiederholte der Herr in Weiß. "Das war mir auch nie ganz schlüssig", gab PeeWee zu, "in erster Linie, weil ich geredet hatte, wenn ich es nicht sollte." "Also: vorlaut." "Genau. Tja, und warum PeeWee? Naja, also es gibt einen PeeWee in dem Spencer-Tracy-Film 'Teufelskerle', ein kleiner Junge, der so süß ist, daß sich alle um ihn kümmern. Ich war damals auch sehr klein." Geringschätzig blickte ihn der Herr in Weiß an und räusperte sich. "Hmm, wenn ich mich nicht irre, gab es auch in irgendsoeinem Schmalspursexfilm einen PeeWee, möglicherweise kommt der Name also daher, oder weiß der Teufel woher. Eigentlich sollten Sie das herausfinden können!" "Nun werden Sie mal nicht frech, junger Mann. Sie sind hier immerhin im Himmel!" Er hatte es also zugegeben. PeeWee fragte sich, ob er hier nicht vielleicht fehl am Platze war. Wenn man nicht meckern durfte, war er es ganz sicher. "Der HERR erwartet Sie!" Klar. Warum sollte er auch sonst durch den Himmel laufen, unvorstellbar, wie lang dieser Korridor war. Und keine einzige Tür. Es mußte viel Platz im Himmel geben, wenn man sich solche Korridore leisten konnte, ohne irgendwo ein Zimmer anzuschließen. "Was liegt außerhalb des Korridors?" fragte er deshalb. "Das Himmelreich", sagte der Herr in Weiß und noch immer kein Ende in Sicht. Wahrscheinlich gab es hier unendlich große Parkplätze. "Haben Sie die Reise genossen?" fragte der Herr in Weiß unvermittelt. "Ähm, wie man's nimmt." Was konnte man schon für eine Antwort von jemandem erwarten, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war? "Ist es noch weit?" Eigentlich merkwürdig. Wenn Gott eigentlich überall war, wieso war der Weg zu seinem Büro dann so weit? "Es ist nie weit zu Gott." Klar. Plötzlich, ohne daß er es bemerkt hatte, standen sie in einem großen Saal, ebenfalls in weiß. Der Saal schien unendlich weit zu sein, vielleicht war es auch eine freie Fläche, oder irgendeine Mischung aus beidem, oder etwas völlig anderes. "Sind wir da?" Der Herr in Weiß trat beiseite und eröffnete den Blick auf eine freie weiße Fläche. Außer weiß sah man nicht viel, aber dieses Weiß war so makellos, daß es jede Hausfrau mit Neid erfüllt hätte. "Hier ist er", sagte der Herr in Weiß, wobei nicht ganz klar war, zu wem er es sagte - oder über wen. "Aha", murmelte PeeWee. Er nahm an, daß man ihn gerade mehr oder weniger mit Gott konfrontiert hatte. Eine Stimme, die aus dem Nichts oder dem Allem (falls das das Gegenteil vom Nichts war) oder einfach von IRGENDWOHER sprach, bestätigte dies. Wenigstens kein Auftreten in einer pseudomenschlichen Gestalt. So, wie er ihn sah, dieses Weiß, war genau das, was Gott im ersten Gebot sagte, es war dergestalt, daß man sich wirklich nichts (oder alles) darunter vorstellen konnte. PeeWee fragte sich, ob dies wohl sein wahres Gesicht war, oder eine Art Besuchsanzug. In erster Linie war er allerdings daran interessiert, zu erfahren, ob DER HERR an ihm interessiert war, oder ob dies reine Routine darstellte. "HABEN SIE IHN AUF WAFFEN UNTERSUCHT?" fragte DER HERR und PeeWee zuckte etwas zusammen. Waffen? "Ja, Herr", erläuterte der Herr in Weiß, der übrigens ganz hervorragend zu den weißen Wandbehängen paßte, man konnte sagen, er ging in diesem Raum, oder was immer es war, geradezu unter, so daß PeeWee zweimal hinsehen mußte, bis er ihn wiedergefunden hatte. "Humor, dumme Sprüche, Sarkasmus und eine gehörige Portion Zynismus." PeeWee hob eine Braue, DER HERR nicht. "HMMM", murmelte ER. "Hmmm", murmelte auch der Herr in Weiß, nur PeeWee, der es nicht leiden konnte, sich Trends anzuschließen, murmelte nichts. Er sah sich statt dessen einmal genau um, es gab im wahrsten Sinne des Wortes Weiß Gott nichts zu sehen. (Oder Weiß Gott Alles?!) "GLAUBEN SIE, DASS SIE FÜR DEN HIMMEL GEEIGNET SIND?" fragte DER HERR. "Glauben Sie, daß Sie für den Himmel geeignet sind?" fragte auch der Herr in Weiß. "Ich habe die Frage schon beim ersten Mal verstanden. Woher soll ich das wissen?" "WOHER SOLLEN SIE WAS WISSEN?" "Woher sollen Sie was wissen?" Böse sah PeeWee den Herrn in Weiß an, der achselzuckend bemerkte: "Die Frage interessiert mich persönlich!" "Woher ich wissen soll, ob ich für den Himmel geeignet bin? Ich meine, ich kenne mich hier nicht so aus." "Er meint", begann der Herr in Weiß zu erklären, "er weiß nicht..." "ICH HABE ES SCHON VERSTANDEN!" donnerte DER HERR. "EINE GUTE FRAGE." "Eine gute Frage", bestätigte der Herr in Weiß. "HMMM", brummte DER HERR. "Hmmm", brummte auch PeeWee. Der Herr in Weiß wurde sichtlich verlegen und beschloß, sich vorerst nicht weiter am Gespräch zu beteiligen. "Um aufs Geschäftliche zurückzukommen", begann PeeWee, "Die Sache mit dem Himmel sollten Sie besser entscheiden. Da fällt mir ein..." "JA?" "Sind Sie Gott?" "WER SONST?" "Ich sagte, ich kenne mich hier in der Gegend nicht so aus." "ACH JA. JA, ICH BIN GOTT!" "Kannst du das beweisen?" "ÄHHHM..." DER HERR verstummte, dann begann er, eine Melodie vor sich hinzusummen. PeeWee sah fragend den Herrn in Weiß an, doch auch dieser schien nicht recht zu wissen, was er tun sollte. "Habe ich Sie verärgert?" fragte PeeWee vorsichtig. "ICH HABE NICHTS ANDERES VON DIR ERWARTET", erwiederte DER HERR mit einer ungewohnten Vertraulichkeit. "ICH ÜBERLEGE NUR GERADE, WIE MAN LEUTE WIE DICH ÜBERZEUGEN KANN!!" In der Tat ein ernstes Problem. Nicht einmal PeeWee hätte darauf eine Antwort gewußt. "HMM, WÜRDE ES DICH ÜBERZEUGEN, WENN ICH EINEN DORNENBUSCH ZUM BRENNEN BRINGEN WÜRDE?" "Das kann ich auch!" "ABER NICHT SO, DASS ER HINTERHER WIEDER WIE NEU IST." "Effekthascherei." "HMMM." DER HERR schien angestrengt nachzudenken, während PeeWee bewußt wurde, daß die Gastfreundschaft in den himmlischen Gefilden sehr zu wünschen übrig ließ. Jedenfalls konnte er sich inzwischen ein Bild davon machen, wie es war, tot zu sein. "DANN SAGT DIR EINE SINTFLUT WOHL AUCH NICHT ZU, HMM?" "Genau." "DACHTE ICH MIR SCHON. WAR EIN LANGER TAG HEUTE." DER HERR gähnte. "NUN, VIELLEICHT KANN ICH DEN BEWEIS AUCH EIN ANDERMAL ERBRINGEN?" "Es ist dein Himmel." " RICHTIG", bestätigte DER HERR. "Richtig", bestätigte auch der Herr in Weiß. "21 IST ZIEMLICH JUNG ZUM STERBEN, NICHT WAHR?" lenkte DER HERR das Gespräch in eine andere Richtung. "Ich dachte, du bist es, der die Fäden zieht?" "NATÜRLICH, ICH MEINE JA BLOSS SO. WÜRDEST DU DENN IN DEN HIMMEL KOMMEN, WENN DU DEINE WAFFEN NICHT BEHALTEN DÜRFTEST?" "Was ist das für ein Himmel, in dem man Waffen braucht?" "HEISST DAS JA?" "Nein, es heißt nur, äh, ist ja auch egal. Findest du nicht, daß diese Waffen zu meiner Persönlichkeit gehören?" "STIMMT, ICH WOLLTE NUR, DASS DU ES SELBST WEISST! NA DANN: WILLKOMMEN IM HIMMEL! SCHÖN, DASS DU HIER BIST. ACH ÜBRIGENS, ES GIBT KEINE HÖLLE, FALLS DU DICH WUNDERST, HIER ZU SEIN. ALLES EINE SACHE DER WERBUNG!" "Aha. Nette Einrichtung hier, und sehr gut gepflegt." "FINDEST DU?" "Naja, etwas eintönig auf die Dauer." "DANN KOMM UND SCHAU DIR DEN WAHREN HIMMEL AN." "Vielen Dank." "GERN GESCHEHEN. DU WARST NIE BESONDER RELIGIÖS, ODER?" "Nein, aber ich mochte 'Jesus Christ Superstar'." "OH. ICH HAB DIE LP AUCH HIER, WILLST DU SIE HÖREN? ACH, ICH HABE EIN PAAR VON DEINEN GESCHICHTEN GELESEN." "Haben sie dir gefallen? Du brauchst darauf nicht unbedingt zu antworten." PeeWee grinste. "Wie ist es eigentlich, allwissend zu sein?" "AUF DIE DAUER ZIEMLICH LANGWEILIG", meinte DER HERR. "ÜBRIGENS: WARUM NENNT MAN DICH PeeWee?"
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