Die Bibel 3

"Unser Gott ist der Beste"

Und das stimmt! Bei "Götter trainiern für Olympia" im vergangenen Jahr hat er nicht nur quasi alle anderen Götter zu Brei zermanscht sondern auch wirklich! Jedenfalls ein paar, von den niederen Gottheiten, die da sowieso nichts zu suchen gehabt hätten. Und beim Finale hat er ja auch in den Disziplinen "Brennender Dornenbusch" und "Sintflut" ziemlich gut abgeschnitten. Und auch bei der anschließenden Personality Show, wo er nicht nur mit einer, zwei, nein, sogar mit drei Persönlichkeiten auftrat. Sehr beeindruckend! Gut, son paar Jungs vom Olymp warn n bißchen pikiert, aber was ziehen die sich auch für so lange aus diesem Religionsbusiness zurück?! Jedenfalls hat sich unser Gott ganz hervorragend geschlagen und wir sind auch echt stolz auf ihn und wenn man ihn für irgendein Amt wählen könnte, dann würden wir das auch tun.

Wenn Sie wissen möchten, was Gott sonst noch so in letzter Zeit angestellt hat, dann empfehle ich Ihnen die Werke "Die Bibel" (nicht zu verwechseln mit dem Klassiker "Die Bibel", der so religiöses Zeugs enthält!) und "Die Bibel 2: Jesus Christus schlägt zurück" - beide von Gott durchgesehen, fehlergelesen und autorisiert. Naja, nicht wirklich. Er hatte keine Zeit an dem Tag. Aber egal, wenn er es gemacht hätte... hätte er es sicher gemacht. Also: sei Gott mit Ihnen - aber das Buch hier soll er sich selber kaufen!

Kontaktprobleme

Logbücher

Heimliche Begegnung der dritten Art

Wir haben ja Zeit

Wortsalat für eine Person

Aus den geheimen Tagebüchern des leibhaftigen Todes

JehovassicPark

Drei Wörter des Verfassers

 

© by Martin "PeeWee" Cordemann

Alle Rechte liegen beim Autor

 

Kontaktprobleme

Warum hatte man ausgerechnet ihn ausgewählt? Xadro war verärgert. Nur, weil er gut mit primitiven Kulturen konnte? Das war in seinen Augen keine große Kunst. Isgeheim argwöhnte er jedoch, daß ihm sein Intimfeind Trimon diesen Job vermittelt hatte. Natürlich, den Kontakt mit anderen Rassen aufrecht zu erhalten war ein wichtiger Schritt und er konnte seiner Karriere nur förderlich sein, aber, meine Güte, dieses System lag am Ende der Galaxie. Tiefste Provinz, absolut unerschlossen. Wie hieß der Planet noch? Xadro mußte in seinen Unterlagen blättern. Ahja, Erde nannten sie ihn, die Eingeborenen. Hmm, Erde? Hatte er auch noch nicht gehört. Oder doch?

Gedankenverloren nahm Xadro seine Brille ab und blickte durch das große Fenster seiner Kabine hinaus in den Weltraum. Der Kern der Milchstraße, in dem sich sein Geburtsplanet befand, wurde langsam kleiner, das Schiff bewegte sich in die äußeren Arme der Galaxie. Erde... Er würde den Computer zu Rate ziehen.

"Computer, nenne mir ein paar Daten über einen Planeten namens Erde."

"Erde, dritter Planet des Sterns Sol, einem Sonnensystem mit neun Planeten: Merkur, Venus, Erde..."

"Überspringen."

"Bevölkerung zur Zeit fünf Millarden Menschen, viergliedrig, aufrecht gehend, Sauerstoffatmer, Landlebewesen, industrialisiert, Großstädte, Zivilisationsstand 27."

"Das ist sehr sehr niedrig", murmelte Xadro. "Fahre bitte fort."

"Vor wenigen Jahrzehnten Kernspaltung entdeckt, Umgang damit nicht zufriedenstellend. Sehr einseitige Entwicklung. Menschen leben ohne näheren Kontakt zu den anderen Lebensformen des Planeten, halten diese für 'nicht intelligent'."

"Die Arroganz der Primitiven. Was meinst du mit einseitig?"

"Einseitig heißt, die Menschen sind in der Lage, Dinge sekundenschnell zu vernichten, sind aber unfähig oder nur nach langer Zeit in der Lage, Dinge zu schaffen oder zu heilen. So haben sie es beispielsweise geschafft, ihre Natur weitgehend zu zerstören, sind aber nicht imstande zu ihrer Wiederherstellung. Der Planet wurde 378923 von einem Wissenschaftsschiff entdeckt und klassifiziert."

"Aha. Und mich hat man zum galaktischen Botschafter auf diesem friedlichen Planeten gemacht."

"Sind denn die Verhandlungen schon so weit gedungen?"

"Was fragst du mich das, du bist doch der Bordcomputer."

"Verzeihung, aber ich nahm an, Sie wollten etwas Konversation betreiben."

"Danke, aber nicht im Moment. Wann erreichen wir unser Ziel?"

"In 44 Mytronen."

"Hmm", 44 Mytronen. Das war nicht umwerfend viel Zeit, um sich eine Strategie zurechtzulegen, wie man mit einer primitiven Rasse verhandeln sollte. Zivilisationsstand 27. Das war ausgesprochen wenig. 41 war die geringste Entwicklungsform, die er bisher gesehen hatte und zwischen diesen beiden Werten lagen im wahrsten Sinne des Wortes Welten. Kein bemannter interplanetarischer Verkehr. Hohe Luftverschmutzung. Der beste Weg, sich selbst auszurotten. Es würde keine leichte Aufgabe werden, wirklich nicht. Xadro nahm sich vor, in den nächsten 35 Mytronen alle verfügbaren Daten über den, wie ihn seine Bewohner einmal genannt hatten, 'blauen Planeten' zu studieren,

Um die Erdbewohner nicht im Übermaß zu erschrecken, näherte sich das Schiff des galaktischen Botschafters dem Planeten mit einer für sie nachvollziehbaren Geschwindigkeit. Xadro befürchtete, daß die Vorarbeiten miserabel durchgeführt worden waren und man sie abschießen würde. Doch er irrte sich. Vertreter einer Regierung, die sich USA nannte, gaben dem Schiffscomputer einen Landeplatz an und auch nach der Landung, die merkwüdigerweise sehr weit abgelegen und offensichtlich im Geheimen stattfand, wurde er freundlich aufgenommen. Man schüttelte ihm die Hände, merkwürdiger Brauch, lachte, winkte ihn hierhin und dorthin, es war fast so, wie auf irgendeinem anderen Planeten. Konnten sich die Scouts geirrt haben?

Nein! Man sperrte Xadro in einen kleinen kühlen Raum. Erst dachte er, daß es sich vielleicht um eine Art Warteraum handele, doch als er sich darin umsah, stieß er auf einen Bekannten. Pyro, der Botschafter des Planeten Kallnoap, lachte trocken, als er Xadro verdutzt eintreten sah. Wie er berichtete, befand er sich schon seit 378901 hier. Man hatte ihn zwar untersucht, aber mit Verhandlungen war nichts. Das meinten auch die anderen Botschafter aus verschiedenen Systemen im Galaxiskern, die es aus den unterschiedlichsten Gründen hierher verschlagen hatte. Xadro nahm seufzend auf einer der Liegen Platz. Er hatte recht behalten. Diese Mission würde sehr sehr schwierig werden...

 

© Martin "PeeWee" Cordemann 1990/94

 

Logbücher

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2178, diese Eintragung erfolgt durch den Kapitän:

Wir befinden uns in unserem Zielgebiet in der Nähe des Randes unserer Galaxie. Unsere Mission ist es, mit unseren Sensoren die umliegenden Systeme nach fremden Intelligenzen abzusuchen, die vielleicht in der Lage sind, mit uns Kontakt aufzunehmen. Darüber hinaus soll das Verhalten der Mannschaft beobachtet werden, denn noch nie zuvor befand sich eines unserer Schiffe so weit entfernt von der Erde. Bis jetzt sind keine besonderen Vorkommnisse zu verzeichnen. Captain Herbert. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2190, Captain Herbert:

Wir haben die Galaxie verlassen! Doch wir müssen feststellen, daß wir nicht die ersten sind, die sich bis hierher gewagt haben! Wir sind auf ein Wrack gestoßen, das hier draußen herumtrieb. Es scheint nur mit einfachen Unterlichaggregaten ausgestattet zu sein. Noch wissen wir nicht, ob es mit eigener Kraft hierher gelangt ist oder auf anderem Wege. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2198, Commander King, Wissenschaftsoffizier:

Wir haben das fremde Schiff identifiziert, es handelt sich um das Wrack eines Transportschiffs namens Challanger, das, wie aus dem Schiffscomputer hervorgeht, in der Schlacht im Velursystem angeschossen worden ist. Nach unseren Berechnungen ist es durchaus möglich, daß es von dort hierher getrieben ist. Wir setzen unsere Mission fort. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2204, Captain Herbert:

Etwas merkwürdiges ist geschehen: zwei Besatzungsmitglieder werden vermißt. Es gibt keinen Hinweis, der dieses Verschwinden erklären oder rechtfertigen könnte. Möglicherweise haben sie sich nur betrunken und schlafen irgendwo ihren Rausch aus? Trotz der Umstände, die bei dieser Mission herrschen, werde ich Maßnahmen gegen sie einleiten müssen (falls sie gefunden werden). Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2211, Captain Herbert:

Drei weitere Besatzungsmitglieder sind verschwunden, von den anderen fehlt weiterhin jede Spur. Ich weiß nicht, ob diese seltsamen Vorfälle mit dem Auffinden der Challanger zusammenhängen. Auch Commander King hat keine Lösung für dieses Problem. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2215, Captain Herbert:

Wir sind dem Rätsel des Verschwindens näher gekommen: wir fanden im Transporterraum unseren Materietransporter auf unbegrenzte Entfernung eingestellt und auf stand-by, so als hätte jemand nach der Benutzung vergessen, das Gerät abzuschalten. Wir befinden uns mitten in der Unendlichkeit, hier gibt es nichts, auf das man sich hätte transportieren können. Trotzdem haben es bisher 40 Mitglieder meiner Crew getan. Aber was ist es, was diese Menschen dazu treibt, sich in die Unendlichkeit und damit in den sicheren Tod zu teleportieren? Oder haben sie es gar nicht selbst getan, auch wenn alles darauf hinweist? Ich werde diese Angelegenheit mit Dr. Francis besprechen müssen. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2224, Captain Herbert:

Drei Viertel meiner Besatzung sind bereits spurlos verschwunden. Der Doktor nimmt an, daß sie sich in großer Angst befunden haben oder von einer fremden Macht besessen gewesen sein müssen. Dennoch lasse ich die Möglichkeit nicht außer acht, daß sie vielleicht von einem ungebetenen Passagier oder Saboteur in den Tod geschickt worden sind, obwohl es mir unerklärlich ist, wie dieser Jemand unbemerkt an Bord gekommen sein soll, oder wann. Wir versuchen, mit Hilfe des Computers herauszufinden, wo sich diese Menschen zuletzt befanden, bevor sie sich ins Nichts teleportierten. Vielleicht stoßen wir dabei auf Parallelen. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2238, Captain Herbert:

Tatsächlich haben wir eine Parallele gefunden - und weitere 17 Crewmitglieder verloren. Der Computer sagt, daß sie vor ihrem Verschwinden, so seltsam das klingen mag, längere Zeit an irgendeiner Luke oder einem Aussichtsfenster verbracht und das Weltall bewundert haben. Was haben sie dort gesehen, das sie dermaßen geängstigt hat, daß sie lieber starben, als weiter zu leben? Ich würde dieses Problem gerne mit meinem Chefarzt besprechen, doch leider zählt er zu den 17 Vermißten. Nicht einmal mein Chefwissenschaftler ist in der Lage mir zu sagen, was die Leute gesehen haben könnten. Ich tippe auf ein übernatürliches Phänomen. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2253, Captain Herbert:

Ich habe es gesehen und ich möchte Ihnen mitteilen, daß ich die Leute vollends verstehen kann. Es war schrecklich. Ich ging zu einem Panoramafenster und sah, was die Kameras nicht zeigen konnten, was keine Sensoren jemals orten konnten. In der Geschichte der Erde gab es immer Seefahrer, die von Geisterschiffen berichteten. Erst, wenn man selbst eins gesehen hat, wird einem die Angst dieser Männer greifbar. Es ist grauenvoll, wenn man ins All hinaus starrt und ein totes, knochiges, gefrorenes Gesicht starrt zurück. Die Verwandlung, die dieses Gesicht nach ein paar Minuten durchmacht ist... grauenerregend, denn es ist... sein eigenes totes Antlitz, das man sieht! Ich drehte mich um, ich versuchte... versuchte, diesem Anblick zu... ihm zu entfliehen... ich wollte ihm entkommen, doch ich lief in eine Gestalt hinein. Sie... er... trug eine Uniform... eine alte Uniform... uralt... die Rangabzeichen... ich glaube... Captain... ich glaube... Captain der Challanger... Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2255, Commander King:

Die Umstände erfordern es, daß ich das Kommando über die Petronia übernehme. Es ist... schwer für mich, aber ich muß die Verlustliste um einen weiteren, um einen bedeutenden Namen erweitern. Captain William Richard Herbert ist ebenfalls verschwunden. Ich habe mir seine letzte Logbucheintragung angesehen und bin der Ansicht, daß es eine andere Ursache für diese mysteriösen Selbstmorde gibt, als das von ihm beschriebene Eindringen einer fremden Macht. Ich bin jedoch verpflichtet, dem Hinweis des Captains nachzugehen. Ende.

Logbuch der Petronia, Raumzeit 2259, diese Eintragung erfolgte durch eine Person, die nicht identifiziert werden konnte:

Das Weltall lebt, das könnty ihr mihj glauben! Es ist tod! Ich agtoanzbs

Logbuch der Golden Sunshine, Raumzeit 2831, Captain Bradbury:

Eine Woche, nachdem wir die Galaxie verlassen haben, haben wir eine Logbuchboje des vor einiger Zeit verschwundenen Raumschiffs Petronia gefunden. Zusammen mit meinem Wissenschaftsoffizier, dem Chefingenieur und dem Chefarzt habe ich mir die letzten Logbucheintragungen angesehen. Zum Teil waren sie unvollständig und zerstückelt. Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß der Captain entweder unter Drogen gestanden haben oder eine Art Raumkoller bekommen haben muß, wobei wir allerdings nicht verstehen, warum dies sein Bordarzt nicht diagnostizierte. Ferner nehmen wir an, daß die Besatzung durch die Langeweile, die auf einem solchen Langstreckenflug herrscht, wahrscheinlich auch begünstigt durch Drogen, in eine Art Massenhysterie geriet oder einer durch obige Gründe ausgelösten Massenhalluzination zum Opfer fiel, die sie zu ihrem sinnlosen Verhalten trieb, in dessen Folge sie sich alle selbst töteten. Das Schiff, von dem der Captain berichtet, ist reine Phantasie, denn unsere Sensoren zeigten weder ein Schiff selbst noch treibende Wrackteile oder Leichen an, sondern nur leeren Raum. Auch unseren Kameras nach befindet sich hier draußen nichts, was auch nur entfernt dem entsprechen könnte, wovon Captain Herbert spricht. Ferner findet sich in unserem Computer keine Aufzeichnung über dieses mysteriöse Schiff. Ich setze meine Mission fort. Ende.

Logbuch der Golden Sunshine, Raumzeit 3044, Captain Bradbury:

Wir haben das Wrack der Petronia gefunden und wir können uns nicht erklären, wie es zu diesen Schäden gekommen sein kann, wir sind jedoch sicher, daß sie nicht von außen, sondern von innen verursacht worden sein müssen.

Gestern geschah etwas seltsames: Dr. Poe sagte, er habe Captain Herbert gesehen. Es ist verständlich, daß er nach dem Verlust eines alten Freundes plötzlich Halluzinationen hat, denn ich weiß, wie nahe er ihm stand. Ich habe ihm geraten, sich frei zu nehmen und sich erst einmal gründlich zu erholen. Ende.

Logbuch der Golden Sunshine, Raumzeit 3057, Captain Bradbury:

Im Nachhinein erschreckt es mich, daß der Doktor seinen Freund innerhalb der Golden Sunshine gesehen haben will und nicht in den Resten der Petronia. Er selbst ist seltsamerweise verschwunden.

Heute Nacht wachte ich auf und glaubte, ein Klopfen an meiner Tür zu hören. Als ich öffnete, sah ich am Ende des Ganges eine Person verschwinden. Sie erinnerte mich stark an Commander King. Ich lief ihr nach, fand aber niemanden. So etwas ist verwunderlich, denn der Gang endete dort ohne ein Schott.

Seit diesem Ereignis denke ich immer öfter an das, was Captain Herbert in seinem Logbuch beschrieben hat - und an den Transporter.

Ende.

 

© Martin "PeeWee" Cordemann 1988/94

 

Heimliche Begegnung der dritten Art

Eigentlich sah es aus wie ein Auto, jedenfalls auf den ersten Blick. Der kleine Junge mit der frechen Stubsnase ging vorsichtig auf den Wagen zu, der einem sehr neuen Modell eines Sportautos glich. Doch etwas daran war seltsam. Sah man davon ab, daß er erst vor wenigen Minuten einfach so aus dem Himmel gefallen war, war damit alles okay. Es unterschied sich nur dadurch von den anderen Autos, daß es keine Nummernschilder hatte. Ansonsten aber entsprach er völlig dem genannten Sportwagen.

Nicht nur der kleine Junge hatte bemerkt, daß dieser seltsame Sportwagen nicht über die Kreuzung, sondern aus den morgendlichen Wolken gekommen war und so bildete sich eine kleine Ansammlung von Menschen, von denen mindestens die Hälfte sich lautstark darüber äußerte, daß das ja ein super neuer Sportwagen sein müßte, wenn er nicht über die Kreuzung kam, sondern aus dem Himmel fiel, während die andere Hälfte eben diese Tatsache, nämlich, daß die Karre schlicht runtergefallen war, als absolutes Gegenargument gegen einen super Sportwagen anbrachte, denn das würe doch wohl eher gegen dessen Qualitäten sprechen. Diese Diskussion brach ab, als sich eine der Türen des Gefährts zischend öffnete. Durch die Tür stieg mit einer Hand zum Gruß erhoben ein fast menschenähnliches Wesen. Es unterschied sich nur dadurch von den anderen Menschen, daß es ein Nummernschild hatte - im Gegensatz zu seinem Wagen!

Lächelnd rief es aus: "Ich begrüße Euch, Bewohner dieser..."

"Mein Herr, Sie stehen im Parkverbot!" Der Polizist, der sich zu der Menschengruppe gesellt hatte, wedelte mit seinem Block und nachdem er am Wagen kein Nummernschild gefunden hatte, notierte er sich schonmal die Nummer, die das Wesen trug.

"Nun lassen Sie den jungen Mann doch mal ausreden", mischte sich eine ältere Dame ein, die sich mit der Einstellung ihres Hörgeräts abmühte. "Können Sie das nochmal sagen? Aber etwas lauter, bitte!" Sie deutete auf ihre Ohren und sah den vermeintlichen Außerirdischen erwartungsvoll an. Dieser wirkte ob des merkwürdigen Empfanges etwas verwirrt und setzte zu einem neuen, lauteren "Ich begrüße Euch, Bewohner dieser..." an, als ein Mann, dessen Einfahrt durch das Gefährt des Außerirdischen blockiert war, ihn anschnautzte: "Mensch, Scheiße, kannste nichmal deine blöde Karre da wegfahren, die blockiert meine Einfahrt!" Neuerlich überrascht starrte der Außerirdische ihn an und setzte sich nach einem "Nun mach schon, Mann, es gibt noch Leute, die zur Arbeit müssen! Arschloch!" in sein vermeintliches Sportauto und setzte es einen halben Meter zurück, so daß der Besitzer der Einfahrt zur Arbeit fahren konnte. "Was hat er gesagt?" fragte die ältere Dame einen kleinen Jungen, doch der hatte nur Augen für diesen tollen Sportwagen, den er bewundernd streichelte. Ein Nachbar deutete auf den Außerirdischen und meinte: "Sie wollten eben was sagen, glaub ich."

Der Außerirdische nickte. Dies war der Augenblick, er stellte sich in Pose, hob eine Hand und deklamierte ein feierliches: "Ich begrüße Euch, Bewohner dieser..."

"Das is n klasse Schlitten, den Sie da haben!" unterbrach ihn erfurchtsvoll der kleine Junge, wobei seine Ehrfurcht eher dem Wagen als dem unerwarteten Kontakt mit einer hochtechnisierten wahrscheinlich weitgereisten Rasse aus den Weiten des Weltraums galt. Dem konnten sich die anderen nicht entziehen und so entspann sich zwischen ihnen ein intensives Gespräch über schnelle Autos und, damit unweigerlich wenn auch nicht unbedingt nachvollziehbar logisch verbunden, Frauen, aber, da Kinder anwesend waren, in erster Linie Autos.

Der Außerirdische, der verloren neben den Menschen stand, die inzwischen ein spannenderes Thema als ihn gefunden hatten, kratzte seine soeben erworbenen Kenntnisse der menschlichen Sprache zusammen, murmelte soetwas wie "Mensch, Scheiße", stieg in sein Raumschiff und machte sich auf den Weg zu einer Welt, die ihm hoffentlich etwas mehr Interesse entgegenbringen würde.

© Martin "PeeWee" Cordemann 1990/94

 

Wir haben ja Zeit

Professor Hadley von der New Yorker Universität hatte sich schon seit mehreren Jahren mit dem Problem der Zeitreise beschäftigt. Über viele Jahre hinweg beschäftigte er sich intensiver mit seinen Theorie, als seinen Schülern Einsteins Relativitätstheorie nahezubringen, die er jedoch für die Überbrückung der Zeitschranke in Erwägung zog. Schon seit vielen Jahren hatte er ein brennendes Interesse an der Vergangenheit entwickelt, das er jedoch nicht aus trockenen Geschichtsbüchern befriedigt wissen wollte, und da er ein leidenschaftlicher Science-Fiction-Fan war, wollte er einen persönlichen Blick in die Zukunft werfen. 1995 bot ihm die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika an, ihm bei seinen Forschungen zur Überbrückung der Zeitschranke behilflich zu sein, vorausgesetzt, er würde mit dieser Erfindung wiederum ihr behilflich sein, was soviel bedeutete wie eine militärische Ausbeutung seines Lebenswerkes. Da er nach seinen langjährigen Überlegungen theoretisch alles erreicht hatte und die Umsetzung nur eine Geldfrage war, nahm er dankend aber zähneknirschend das Angebot der Regierung an. Kaum ein sechs Monate später war seine Maschine einsatzbereit.

Das war zu der Zeit, als der Sicherheitsrat der USA zu dem Ergebnis kam, die andere Seite würde eine neue Waffe entwickeln. Es gab jedoch keine Bestätigung für diese Meldungen. Da kein Kontakt mit den Agenten mehr bestand, war man, als man auf Professor Hadleys Erfindung aufmerksam wurde, davon überzeugt, daß man sie nutzen konnte, um einen eventuellen Krieg zu verhindern, oder aber, was die Militärs von jeher bevorzugten, ihn zu gewinnen, und zwar, in dem man die Ergebnisse der Versuche mit der neuen Waffe, die die Gegenseite gemacht haben würde, aus der Zukunft stehlen und sie ihr damit vorwegnehmen würde, ein derart brillanter Plan, daß er nur aus dem Kopfe eines hohen Offiziers stammen konnte und tatsächlich auch stammte. Weitere Ideen bestanden darin, die Truppen zusammenzuziehen und in der Zukunft zuzuschlagen, was nach längerem Überlegen aber überhaupt keinen Sinn ergab, also wollte man die Truppen zusammenziehen und in der Vergangenheit zuschlagen, was aber auch keinen Sinn ergab, weil es da noch keine Kriegserklärung gegeben hatte, also blieb es dabei, die Truppen zusammenzuziehen und irgendwann zuzuschlagen, wenn es dann soweit war. Auf die Idee, aus den Fehlern, die man in der Zukunft sehen konnte, zu lernen, war natürlich niemand gekommen und falls doch, hätte man diese Fraktion schnell überstimmt. Außerdem war man gerade selbst dabei, eine neue Waffe auszuprobieren...

Als Hadley das Resultat jahrelangen Nachdenkens fertiggestellt vor sich stehen sah, barst er beinahe vor Stolz und Unternehmungsgeist. Die Zukunft wartete darauf, von ihm kennengelernt zu werden, doch noch war die Maschine nicht eingehend getestet worden.

Selbstverständlich wußte der Rat noch am selben Tag, daß Hadleys Bemühungen ihr Ende gefunden hatte und kaum zwei Stunden nach Erhalt dieser Nachricht, hatte eine Spezialeinheit das Gelände des Professors abgeriegelt und ein paar Spezialagenten hielten schützend ihre Hand über die Erfindung, damit sie nicht in unbefugte Hände fallen konnte, zu denen offensichtlich auch Hadley selbst gehörte. Dies änderte sich, als ein hoher Regierungsbeamter mit Zahnpastalächeln von der letzten Pressekonferenz hereingetrabt kam und ihm, dem Professor, seinen ersten Regierungsauftrag überreichte. Dieser bestand darin, einfach mal ein paar Jahre in die Zukunft zu reisen, zu sehen, wie es dort aussehen wird und bitte eine Ansichtskarte mitzubringen, um zu beweisen, daß er da war und daß es dort tatsächlich so aussehe, wie er es gesagt hatte, nichts gefährliches also für den Anfang; das gefährliche, da solle er sich aber keine Sorgen machen, würde schon kommen, umgehend, direkt nach diesem kleinen Test! Seine Einwände, die Maschine wäre noch nicht eingehend getestet worden, wurden abgewiesen mit dem Hinweis, dies hier wäre ein eingehender Test. Und wichtig war dieser Test, denn die Computer des Pentagon waren überzeugt davon, daß in spätestens fünf Jahren ein Krieg von weltumfassendem Ausmaß ausbrechen würde - und diese Computer hatten sich nur sehr selten geirrt.

Hadley nahm, keineswegs so gut gelaunt, wie er es bei seiner ersten Zeitreise hätte sein sollen, in seiner Maschine Platz, checkte alle Systeme, programmierte die automatische Rückkehr nach einer Minute, lächelte ein wenig überzeugendes Lächeln in die Überwachungskameras, schnallte sich an, drückte den Auslöser - und verschwand.

Gespannt warteten die Männer der Regierung in Professor Hadleys Labor. Die Minute schien sich ins Unermeßliche auszudehnen, obwohl die Maschine nach exakt 60 Sekunden wieder erschien. Oder das, was davon übrig geblieben war, ein Wrack. Hadley wurde sofort untersucht. Er hatte nicht den Verstand verloren, dafür litt er an einer unbekannten Krankheit, einer schrecklichen Krankheit, die ihn in wenigen Monaten töten würde. Offensichtlich war diese durch seine Zeitreise und seine fehlerhafte Maschine verursacht worden. Geistig war er ein Wrack, wie seine Erfindung, doch die Ärzte meinten, sie könnten ihn vielleicht so weit behandeln, daß er klar genug wurde, ihnen mitteilen zu können, was er wußte. Die Regierung war der Ansicht, hier hatten sie Geld sinnlos verplempert und verlagerten die Zuschüsse lieber zu ihrem Waffenprojekt, obwohl der Fahrtenschreiber der Maschine angab, daß sie exakt ein Jahr in die Zukunft und wieder zurück gereist war, aber, so war das Argument, wenn sie nicht mal eine so kurze Zeitspanne überstand, dann brauchte man sie auch nicht und Waffen, das war klar, würde man immer brauchen! Die politische Lage verschlechterte sich.

Etwa sieben Monate nach seiner Rückkehr in die Gegenwart, brachten die Ärzte Hadley dazu, sich wieder an seinen Trip in die Zukunft zu erinnern, was ihm selbst nicht mehr viel bringen würde, denn er würde die nächste Woche nicht überleben. Selbstredend erschienen sofort ein paar Regierungsbeamten, die begierig auf seine Ausführungen waren.

Hadley erinnerte sich, wie es in der Zukunft gewesen war. Furchtbar. Zwar war der Krieg nicht mehr im Gange gewesen, der Krieg, den es zu vermeiden gegolten hatte, er war ausgebrochen, vorher, vor seiner Ankunft, doch die Menschheit hatte sich bereits am Aussterben befunden. Der Chefarzt gab Hadley ein Beruhigungsmittel und schloß silberhell auf Fieberphantasie.

Als er wieder aufwachte, erschien sofort ein neuerlicher Regierungsbeamte und hing an seinen Lippen. Hadley hatte ein Lächeln auf den Lippen, ein leises, trauriges Lächeln. Er war in die Zukunft gereist, sagte er, um herauszufinden, was den Krieg auslösen würde, wie er also vielleicht zu verhindern war. Der Regierungsbeamte grinste siegessicher und meinte, das wäre gar kein Problem, man sei gerüstet und, sein Stolz ließ ihn noch mehr anschwellen, gerade heute sei ein historischer Tag, denn heute würde der erste große Test mit der neuen Waffe, der TBD-Bombe stattfinden und der würde ihrer aller Zukunft sichern. Hadley schüttelte über all diesen Unverstand nur müde den Kopf. Gerade diese Bombe, sagte er, war der Auslöser. Ihre Explosion heute würde größer und mächtiger sein, als man angenommen hatte und der Gegner würde sie als einen kriegerischen Akt mißverstehen und zum Gegenschlag mit wiederum seiner neuen Waffe ausholen... Hadley atmete schwer und nachdem der Regierungsbeamte begriffen hatte, daß das, was er da gerade gehört hatte, vielleicht wirklich die Wahrheit sein konnte, lief er zum Telephon. Während der Vizepräsident der Vereinigten Staaten vergeblich versuchte, den Versuch abzubrechen, schlummerte Hadley wieder in seinem komaartigen Zustand, aus dem er auch nicht erwachte, als zwei Stunden später eine Bombe die Klinik in Schutt und Asche legte.

 

© Martin "PeeWee" Cordemann 1988/94

 

Wortsalat für eine Person

Der junge Mann mit dem gefleckten Hut war guter Dinge. Mehr noch, er war sogar guter Hoffnung. Nachdem man ihn von all seinen Pflichten entbunden hatte, sollte er in drei Tagen entbinden. Das war ein großer Schock für ihn, da er erst seit zwei Tagen in der Stadt war und noch keinen von seinen alten Freunden kennengelernt hatte. Es bereitete ihm einige Sorgen, daß sich seine Hose noch immer in der Wäscherei befand - oder war es die Wäsche, die er sich in die Hose gesteckt hatte? Eine schwere Frage, etwa 3 Tonnen. Warum er, warum niemand anders? Jemand anders hatte gerade kein Bargeld, er auch nicht, deshalb blieb die Sache an ihm hängen, ebenso wie das Kaugummi, in das er gerade getreten war und das jetzt schmierig an seinem Fuß klebte - er trug barfuß. Auf dem Weg in die Disco machte er die furchtbare Entdeckung, daß der Mensch nicht nur die Krone der Schöpfung, sondern auch, daß gerade der König gestorben war. Ein harter Schlag, auch von einem Boxer, der ihn damit niederstreckte. Man brachte den Mann mit dem gepflegten Hut ins Krankenhaus, verband seine

Wunden und ihn anschließend mit seinem Anwalt - er war wegen dringenden Verdachtes auf Asthma verhaftet worden. Er würde erstmal bis Ende nächsten Jahres unter Beobachtung bleiben, dann über Beobachtung und unter Streß, später zwischen Streß und Beobachtung und letztendlich würde man dazu übergehen, ihn zu übergehen und am Ende der Behandlung würde man ihm wieder feste Nahrung anbieten, wenn die flüssige ihren Aggregatszustand bis dahin dahingehend verändert haben sollte. Welches Geheimnis verbarg dieser junge Mann oder welches Geheimnis vergab ihn oder welches Geh Heim nicht Verba rge r? Viele Fragen, auf die man die Antworten in Telephonbücher verwandeln konnte und auch tat, ganz zum Entsetzen der Telecom. Dann wurde er entlassen, zwar nicht frist- oder humor-, aber immerhin arbeits-, und mit einem Jahreslos des Glücksdiaphragmas. Er stand auf der Straße, umgeben von Schmutz, Umweltzerstörung, Gewalt, Brutalität, Arbeitslosigkeit, Humorlosigkeit, Destruktivität, Zertrümmerung, Vergewaltigung, Hunger, Elend, Verachtung und Privatfernsehen und alle sprachen lauthals auf ihn ein, ob er nicht ein Abbonement kaufen wolle oder eine Kanone oder ein Abonnement für eine Kanone oder eine Kanone für ein Abbonement oder eine Abbone für ein Kannonement? Er ging nach Hause. Wo war Frieden? Wo war Glück? Wo war Freude? Peter Frieden war nach Europa gezogen, Stefan Glück hatte sich das Leben genommen und Susanne Freude machte gerade eine Entziehungskur. Kein Grund, auf zu bleiben, kein Grund, wach zu bleiben, kurz, kein Grund, zu bleiben. Aber wo sellte er jetzt hin, er wußte nicht einmal, wo er war. Und da blieb er auch. Und dort ist er noch heute, der gepflegte Mantel mit dem jungen Hut.

 

© Martin "PeeWee" Cordemann 1990/94

 

Aus den geheimen Tagebüchern des leibhaftigen Todes

Der Tod trampt

"Können Sie mich vielleicht wohin mitnehmen?"

"Oh, nein, ich nehme nie Anhalter mit."

"Arschloch."

"Selber, mieser Anhalter!"

"Hol dich doch der Tod! Hmm, das bin ich ja. Scheiß Anhalterei!"

"Hallo?"

"Ich?"

"Ja."

"Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?"

"Glauben Sie vielleicht, ich steh zum Vergnügen hier, oder weil ich Autofetischist bin? Oder weil ich auf Regen stehe? Oder was???"

"Oh, entschuldigung. Warten Sie, ich mache die Tür auf..."

"Hmm. Eng die Mühle."

"Erlauben Sie mal, ich weiß nichtmal wer Sie sind und..."

"Ich bin der Tod!"

"Angenehm, Stuart Allen, aber Sie können mich auch Stu nennen."

"Werd´s mir überlegen. Aber, hmm, danke, daß Sie mich mitgenommen haben. Ist heutzutage schwierig, jemanden zu finden, der eine seriös aussehnde Person mitnimmt. Vom Tod ganz zu schweigen."

"Ja, da haben Sie recht. Wo wollen Sie denn hin?"

"In die Stadt. Bin versetzt worden."

"Aha. Was machen Sie denn so?"

"Ich nehme Menschen mit mir."

"Hmm, jetzt habe ich Sie aber mitgenommen, haha."

"Warten Sie es ab."

"Woher kommen Sie eigentlich?"

"Vom Land. War in nem kleinen Dorf beschäftigt, aber mein... mein Kundenkreis hat sich aufgelöst."

"Ah ja, das kenne ich. Ich verkaufe Bibeln. Jaja, so ist das, mit der Zeit sterben diese kleinen Dörfer alle aus.

"So könnte man es nennen."

"Ich weiß nicht, was daran schuld ist."

"Hmm."

"Warum fahren Sie eigentlich nicht mit dem Auto, oder mit Bus oder Bahn?"

"Kann ich mir nicht leisten."

"Ah, verstehe, beschränktes Budget. Kenn ich, kenn ich. Ich habe auch nur diese Karre hier. Ich verkaufe Bibeln."

"Das sagten Sie bereits."

"Ja, Sie müssen mir sagen, wenn ich Ihnen mit meinem Gerede auf die Nerven gehe, aber ich bin müde und habe Angst, gegen einen Baum zu fahren."

"Lobenswert. Es gibt kaum noch Bäume. Sind Sie Naturschützer?"

"Äh, nein, ja, ich bin... Christ."

"Das erklärt einiges. Schauen Sie auf die Straße."

"Ist so eine Kutte eigentlich warm?"

"Es ist himmlisch kalt da draußen und wenn Sie nur eine Kutte tragen ist das nicht besonders warm. Was meinen Sie, warum ich eben die ganze Zeit wie Espenlaub gezittert habe, häh?"

"Naja, ich dachte, Sie wären vielleicht Epeleptiker..."

"Hörn Sie, nur weil Sie mich hier mitnehmen, heißt das noch nicht..."

"Entschuldigen Sie, bitte entschuldigen Sie. Haben Sie eigentlich Familie?"

"Bitte?"

"Ob Sie Familie haben? Frau, Kinder, Hund, Katze, Auto, nein, kein Auto, das sagten Sie ja schon."

"Nein. Sehen Sie verdammtnochmal auf die Fahrbahn!"

"Sie sind sehr schreckhaft, nicht wahr? Aber ich habe das Auto absolut unter Kontrolle, sehen Sie..."

"Tun Sie die Hände ans Lenkrad!"

"Aber da ist doch nichts dabei!"

"Tun Sie sofort die Hände ans Lenkrad!!!"

"Ja, ist ja schon gut. Sie sind aber wirklich schreckhaft."

"Ja, nein, weiß nicht, im Gegensatz zu Ihnen vielleicht."

"Wieso, wovor sollte ich denn Angst haben?"

"Naja, äh, wenn Sie eben richtig zugehört hätten, wüßten Sie, daß ich der Tod bin und ich steige wohl auch nicht zu jedem ins Auto."

"Aha. Sie bevorzugen Luxuslimousinen, was? Kleiner Scherz. Nein, ich weiß nicht..."

"Meine Schlechtheit, sind Sie schwer von Begriff. Also, warten Sie mal..."

"Was kramen Sie da? Aha, ein Zettel. Lesen Sie mir jetzt ein Gedicht vor?"

"Allen... Allen, Peter... Allen, Woody, siehe Königsberg, Stuart Allen, was soll das denn? Na, weiter, Allen, Sebastian... Allen, Stuart. Da haben wir Sie."

"Wo haben Sie mich?"

"Sie sind Stuart Allen, geboren in Washington am 28.3.1958, verheiratet, zwei Kinder, ein Hund, eine Katze, ein Auto, nicht wahr?"

"Woher wissen Sie das? Polizei? CIA?"

"Ich bin der Tod."

"Der Tod? Der Tod, der aus so Filmen wie Tod auf dem Nil?"

"Nein, ich bin der Tod, der die Menschen mit ins Jenseits nimmt."

"Der Tod, ach so."

"Hmm, Sie scheinen das aber sehr locker zu nehmen, was?"

"Ach, irgendwann muß doch jeder mal abtreten."

"Sicher, aber, haben Sie denn keine Angst..."

"Nein, ich bin ein guter Christ und glaube an ein Leben nach dem Tode."

"Haben Sie schonmal mit dem Gedanken gespielt, daß man Ihnen da vielleicht was falsches erzählt hat?"

"Und wenn, hätt ich denn dann noch ne Möglichkeit, mich zu beschweren?"

"Nein, eigentlich nicht. Hörn Sie, Sie haben mich mitgenommen und das find ich ganz nett, also, ähm, möchten Sie vorher vielleicht noch jemanden anrufen? Frau? Kinder? Hund? Katze? Auto ist ja hier."

"Ach nein, ich will mich nicht solchen Gewissenskonflikten aussetzen. Jungejunge, da nimmst du einen Anhalter mit, der verloren am Straßenrand steht und es ist der Tod."

"Tut mir ja auch leid, aber..."

"Können Sie mir ein Autogramm geben?"

"Bitte?"

"Nun, für meine Nachkommen."

"Oh, ja, klar, natürlich, äh, haben Sie mal einen Stift und ein Stück Papier?"

"Sicher. Meine Kinder werden staunen, wenn sie das sehen. Okay, danke. Also meinetwegen können wir. Wie soll es denn passieren?"

"Oh, ja, das hab ich mir noch gar nicht überlegt. Haben Sie eine Idee?"

"Naja, da wir grad mit dem Auto fahren, wär doch ein Autounfall angebracht, oder?"

"Natürlich, klar, das wäre schon praktisch. Ja, hmmm, aber passen Sie auf, daß wir keinen Baum beschädigen."

"Na klaro."

"Wollen Sie noch was sagen?"

"Ich hoffe, daß ich meine Familie wiedersehe, wenn ich im Jenseits bin und..."

"Jaja, genug geredet. Ohohoh... Scheiße! So eine verfluchte Scheiße! Mein Bein. Das ist bestimmt gebrochen, verdammt. Tut das weh! Oh Mist, wie soll ich den jetzt meinen Job machen? Scheißescheißescheiße! Warum hab ich mich auch zu diesem blöden Autounfall überreden lassen? Scheiße!"

"Hallo? Hallo, ist da noch jemand in dem Auto?"

"Ja, verdammt! Holen Sie Hilfe. Und einen verdammten Leichenwagen!"

"Sind Sie mit dem Verstorbenen verwandt?"

"Nein."

"In welcher Beziehung standen Sie zu ihm?"

"Er hat mich mitgenommen, hörn Sie, das ist wirklich nicht nötig, ich kann alleine laufen."

"Mitgenommen? Sind Sie getrampt? Sind Sie Anhalter?"

"Ja, ist das etwas frevelhaftes oder was? Lassen Sie mich von dieser beschissenen Trage runter..."

"Also, Sie sind Anhalter. Hmm, das Trampen ist in diesem Bundesstaat verboten. Ich muß Sie leider mitnehmen."

"Bitte?"

"Sie werden die Nacht in sicherem Gewahrsam verbringen und dann werden wir weitersehen."

"Ich habe dringende Termine, mit Menschen, die mich brau..."

"Das interessiert mich nicht. Sagen Sie sie ab."

"Ich soll was? Absagen??? Der Tod kann doch nicht absa..."

"Das ist nicht mein Problem, ich mache hier nur meinen Job."

"Ohne zu denken!"

"Werden Sie nicht unverschämt, Mann. Ihre Personalien, bitte!"

"Ich verweigere die Aussage."

"Das wird teuer, mein Lieber, das versichere ich Ihnen!"

"Aber..."

"Sperrt ihn in eine sichere Zelle, ich glaube, der wird uns noch Ärger machen."

"Aber..."

"Das hätten Sie sich vorher überlegen müssen. Ich glaube, es ist sicherer, wenn Sie sich eine Zeitlang nicht auf den Straßen herumtreiben."

 

Aus den geheimen Tagebüchern des Todes

aus dem Jahre 1988 in einer Bearbeitung

von 1994 in einer vom Tod durchge-

sehenen und genehmigten Fassung.

 

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JehovassicPark

"Und was jetzt?"

"Der Chef meint", sagte Petrus, "daß Sie sich erstmal hier umsehen sollen."

Ich hatte also gerade im Himmel eingecheckt und sollte mich hier umsehen. So war das also, wenn man erstmal dahingegangen war. Fragte sich nur, ob die Hotels das von wiedergekommenen Verstorbenen hatten oder ob nicht wiedergekommene Verstorbene das hier oben eingeführt hatten oder ob der ganze Sinn, die Grundlage der Existenz immer darin bestanden hatte, irgendwo einzuchecken.

"Gut, sehe ich mich hier also erstmal um", murmelte ich und Petrus wollte sich gerade wieder auf den Weg zur Rezeption machen. "Ähm, und was kommt dann?"

"Verzeihung, aber das sind interne Angelegenheiten."

"Verzeihen ist göttlich", murmelte ich und Petrus schien das nicht sonderlich gut zu finden.

"Bevor Sie Ihrem endgültigen Bestimmungsort entgegen gehen, sollen Sie sich einen Eindruck davon verschaffen, was sich Ihre Vorfahren verscherzt haben."

"Das klingt nach Sonne, Sex und Sekundanten."

Sein Blick zeigte Verachtung.

"Naja, ich habe nicht gesagt, daß ich sowas mag", fügte ich hinzu. "Wer duelliert sich schon gerne? Besonders, wenn man sowiesoschon tot ist?"

Wir erreichten eine weiße Tür in einer weißen Wand in einer weißen Unendlichkeit die sich werweißwohin erstrecken mochte. Hätte über der Tür nicht ein grünlich leuchtendes Schild mit der Aufschrift NOTAUSGANG gehangen, ich hätte sie wohl nie entdeckt. Petrus öffnete und ließ mich vorangehen.

"Viel Vergnügen", nuschelte er und schloß hinter mir die Tür. Als ich mich umdrehte, mußte ich feststellen, daß sich hinter mir nichts befand. Das heißt, es befand sich schon etwas hinter mir, aber das Nichts, aus dem ich gerade herausgekommen war, befand sich dort nicht. Auch keine Tür oder irgendwas antiseptisch weißes. Naja, was solls? Ich befand mich in einer Art wundervollem Prachtgarten, wie auch immer ich nun dahin gekommen sein mochte. Auf einem Schild nicht weit von mir stand EDEN.

"Aha", murmelte ich. Was gab es da noch groß zu sagen? Naja, vielleicht sowas wie "Herzlich willkommen" oder so? Aber vielleicht war ich ja auch gar nicht willkommen. Jedenfalls war die Landschaft sehr gepflegt und hübsch und natürlich und ohne dampfende Atomkraftwerke. So schlenderte ich also durch den Garten Eden, beschienen von einer wahrscheinlich unirdischen Sonne, wenns überhaupt eine war, bis ich an zwei herumalbernen Zwergen vorbeikam, von denen einer eine Zipfelmütze trug, der andere dagegen, mit schwarzem Anzug, Regenschirm und Melone, eine Sunday Times von 28.1.2175. Sie verschwanden hinter einem Baum. Ein Stück weiter, ich sah mir gerade einen wunderschönen Wasserfall an, tauchte plötzlich ein unheimlich schönes nacktes Mädchen auf. Sie leckte sich verführerisch über die Lippen und legte einen Arm um meine Schulter.

"Na, mein Süßer", sagte ihre rauchige Stimme, "Wie wärs mit uns beiden?"

Blut schoß mir in die Wangen, und noch woanders hin. Ich fragte mich, ob das eher zu den himmlischen oder den teuflischen Angeboten zählte. Sie steckte ihre Zunge in mein Ohr, knabberte daran herum, schob ihre Nase hinein, dann rieb sie ihr eigenes Ohr daran und begann schließlich, mit ihren Fingern daran herumzufummeln. Da ich mich nicht von meinem Ohr trennen wollte, löste ich sanft ihre Finger von meinem Hörorgan und sah ihr dann tief in die Augen. Ich sah so tief hinein, als wären sie ein See, auf dem Seerosen schwammen, ich verlor mich in ihren Tiefen, ein Wasserfall füllte diesen See und in seinem tiefen Blau konnte ich kleine Fische sehen, die friedlich vor sich hinschwammen. Ihre Augen waren leer, ich sah nur eine Spiegelung der Landschaft hinter mir. Egal. Sie lächelte.

"Hast du im Moment etwas vor?" fragte sie und schmiegte sich eng an mich. Wenn ich etwas vor hatte, dann hatte sie damit zu tun.

Doch da erscholl plötzlich ein lautes Rufen: "Eva? Eva?"

Auf der Lichtung erschien ein nackter Mann, der gut gebaut war, zu gut, um sich mit ihm anzulegen. "Eva", rief er, "da bist du ja." Er kam auf uns zu und Eva löste sich ruckartig von mir. Zornig nahm der Mann Eva bei der Hand. "Mußt du dich jedem an den Hals werfen?" fauchte er sie an.

"Verzeih mir, Adam, oh bitte verzeih mir. Sieh mal, ich hab einen Apfel für dich!"

"Oh, ich liebe diese Dinger." Er legte ihr seinen Arm um die Schulter, warf mir einen zornigen Blick zu, biß in den apetitlichen Apfel und verschwand dann wieder in seinem FKK-Club.

"Adam und Eva", murmelte ich. "Hier bekommt man wirklich alles geboten, was?"

Ich folgte einem kleinen Bächlein, das zum Meer führte. Verwunderlich, wie sie das alles hier untergebracht hatten. Blumen, Wald, Adam, Eva, Meer und See. Der Himmel war schon ne klasse Sache, ein echtes Paradies. Und wunderschön.

Auf dem Meer sah ich einen großen Holzrumpf, ein Mann stand obenauf und blickte in alle Richtungen. Als er mich sah, winkte er mir zu.

"Hallo", rief er über das Wasser.

Ich winkte zurück. Ds mußte Noah sein.

"Ich komme zu Ihnen rüber", rief Noah und kletterte eine Strickleiter hinunter in ein kleines Holzboot.

Ein Mann mit einem Monteuranzug erschien neben mir, nickte mir zu und deutete zu dem Mann hinaus. "Nicht schlecht, was?"

Mit offenem Mund starrte ich Noah entgegen, der nun zu rudern begann.

"Das ist einfach das Paradies... alle sind hier... Noah, Adam, Eva,... alle... es ist das Paradies."

Das Bott mit Noah wurde plötzlich aus der Bahn gestoßen, eine Flutwelle entstand und aus dem Wasser tauchte ein gigantischer Hai auf. Der Hai schmetterte seine Schnauze auf das Boot, das dadurch zertrümmert wurde. Noah, oder wer immer es war, schrie um Hilfe. Kurz erschien sein Arm zwischen den Trümmern des Ruderbootes, dann deutete nur noch ein Gurgeln das grausige Mahl an, das der Weiße Hai zu sich nahm.

"Von wegen Paradies", murmelte der Monteur, der zufrieden nickte. "Das ist Disneyland!"

Ich sah ihn fragend an.

"Ich bin Wartungstechniker hier", erklärte er. "Sehr eindrucksvoll die Show, nicht wahr?" Er grinste und deutete auf aufs Meer. "Nur eine Puppe, ein Roboter." Er lächelte schief, hielt sich aber gerade. "Eine Touristenattraktion. Sie haben Glück, daß es heute funktioniert hat. Ich war mal mit einem Freund hier, da kam eine Meerjungfrau aus dem Wasser und wollte Noah fressen. Peinlich, sage ich Ihnen!"

Ich starrte aufs Meer hinaus. Was würde als nächstes passieren? Würde Richthofen mit seinem Dreidecker erscheinen und die Arche versenken? Ich sah den Monteur fragend an. "Was soll das? Mit diesem Park könnten Sie sich bei uns dumm und dämlich verdienen!"

"Das sind wir schon", antwortete er, tippte sich an die Hutschnur und verschwand in Richtung See. Wahrscheinlich mußte er Eva durchchecken - wie immer er das auch machen würde.

"Gefällt es Ihnen bei uns?" fragte Petrus, der durch eine unsichtbare Tür eingetreten war, oder wie auch immer.

"Naja, n bißchen blutig", murmelte ich. "Ich hatte mir das Paradies etwas anders vorgestellt."

"Das Paradies? Oh nein, das ist nicht das Paradies. Das ist..."

"...Disneyland, ich weiß.

"Wollen wir gehen?" Petrus trat durch eine Tür und prompt waren wir wieder umgeben von endlosem Weiß.

"Wo gehen wir jetzt hin? Nach Disneyworld?"

Petrus schien heute seinen humorlosen Tag zu haben.

"Wir gehen in die Ewigkeit."

"Klingt, als würde das ziemlich lange dauern. Können wir vorher was essen?"

"Glauben Sie, Sie kommen mit Ihren Sprüchen hier weiter?"

"Wenn ich Ihnen in die Ewigkeit folge, komme ich bestimmt weiter, die Frage ist nur, ob das nicht vielleicht sogar zu weit wird. Wie haben Sie eigentlich den Job hier bekommen? Sind Sie der Sohn?"

Husten ertönte von allen Seiten, ein göttliches Husten wohlgemerkt.

"Gott hat sich wohl verschluckt, naja, sein Sohn sind Sie also nicht."

"Sie werden ihn schon früh genug kennenlernen."

Ich hob eine Braue. Wie würde Jesus sein? Würde ich ihm die Hand geben müssen? Hoffentlich blutete sie nicht mehr - und hoffentlich hatte er die Nägel schon herausgenommen!

 

© Martin "PeeWee" Cordemann 1991/94

 

 

Drei Wörter des Verfassers


Jetzt haben Sie sich durch Band 3 gequält und kommt hier vielleicht die Erlösung? Nein! Definitiv nicht, gebe ich Ihnen Brief uns Siegel drauf. Ralf Siegel sogar, wenns sein muß! Aber es gibt noch Hoffnung für Sie: bestellen Sie sich dieses Buch und auch diverse andere Ihrer Wahl per E-Mail und offenbaren Sie sie dem heiligen, alles verzehrenden Feuer. Ja, kaufen Sie nicht nur ein Buch, kaufen Sie gleich ein ganzes Dutzend, das Sie den reinigenden Flammen übergeben können, um sich so seelischen Frieden - und mir ein hübsches Sümmchen - zu verschaffen! Nie war es so einfach und günstig - und profitabel! - Seelenfrieden zu erlangen. Gut Holz!

PeeWee